„Was ich […] Wohllaut, Klangzauber nenne, ist mir noch nie in einem höhern Grade vorgekommen, als in Henselt’s Compositionen.“ (R. Schumann)

Adolph Henselt schuf wie Frédéric Chopin fast ausschließlich Werke für Klavier, für das Instrument also, das er in so außerordentlicher Weise beherrschte (Musikbeispiele folgen unten auf der Seite). Die spezifische Qualität seiner Kompositionen, die seine Zeitgenossen – wie den zuvor zitierten Robert Schumann – so beeindruckten, beruht im Wesentlichen auf der genauen Kenntnis des Klavierinstruments und seiner klanglichen Möglichkeiten sowie einem speziellen spieltechnischen Training, in das insbesondere Dehnübungen der Hände einbezogen wurden. Henselt bevorzugte extrem weite Akkordlagen und nutzte dabei den Resonanzreichtum des Klaviers im mittleren Bereich mit allen Künsten der Stimmverteilung prägnanzmelodisch aus bzw. brachte ihn durch dezente sekundäre „melodische Ereignisse“, wie Gegenstimmen, Durchgangstöne oder überleitende Phrasen, zur Geltung. Dieses kombinierte er mit einer besonders feinsinnigen Führung der Bass-Stimme. Für die Fülle des Klanges sorgen in den Henseltschen Kompositionen außerdem weitaufgefächerte akkordische Spielfiguren, satte Konturierung von Kantilenen durch Terz-, Sext- und Dezimenparallelführung, Akkordketten und nachschlagende Begleitstimmen. Die prägnanzmelodische Erfindung ist im Wesentlichen durch Diatonik oder Fortschreiten in Dreiklangsdiastematik geprägt, wobei Henselt Chromatik und große Intervallsprünge als Mittel der Emphase sparsam und damit in ihrer Ausdruckskraft umso effektiver einsetzte.

Sein außerordentliches Interesse an der ‚Arbeit am Klavierklang‘ drängte bei dem Komponisten Henselt die Entwicklung komplexer Formen und die Verwendung vielfältiger Besetzungen in den Hintergrund. Dementsprechend rar sind in seinem Oeuvre Werke von größerer oder gar zyklischer Anlage bzw. solche, die über die pianistisch-solistische Ausführung hinausgehen. Neben dem grandiosen f-Moll-Klavierkonzert op. 16 und zwei virtuosen Variationswerken (op. 1 und op. 13), davon das zweite mit Orchesterbegleitung, hinterließ er in dieser Hinsicht lediglich das Duo für Klavier und Violoncello oder Violine oder Horn op. 14 sowie das Trio für Klavier, Violine und Violoncello op. 24. Bei dem Rest der Henseltschen Originalwerke dominiert die Idee des poetischen Klavierstücks, ganz im Sinn der sich seit den 1830er Jahren formierenden neuen musikalischen Romantiker.

Musikbeispiele:

Daniel Grimwood: Vier Etüden

Op. 5, Nr. 4, E-Dur – „Ave Maria“, Andante
Op. 2, Nr. 10, e-Moll – „Le Ruisseau“, Moderato (2:32)
Op. 5, Nr. 10, f-Moll – „Entschwundenes Glück“, Allegro ma non troppo (4:30)
Op. 2, Nr. 12, b-Moll – „Plien de soupirs, de souvenirs…“, Moderato ma con moto, con afflizione (9:08)

Natalia Keil-Senserowa: Romance op. 10, b-Moll

 

Natalia Keil-Senserowa: La Gondola, Etüde op. 13, Nr. 2, Ges-Dur

 

Daniel Grimwood, Nazrin Rashidova und Sarah Oliver: Trio op. 24, a-Moll

 

Daniel Grimwood spricht über Henselts Klavierkonzert op. 16, f-Moll
– in englischer Sprache